English

unfassbar, unfaßbar, wirklich

Ich bin immer noch erfroren. Beim Trauerfoto aus der Ferne kam ich mit einer lebhaften Dame (86) ins Gespräch. Sie besucht wöchentlich seit 12 Jahren ihren Sohn (einen von zwei), der in der Nähe von Henrike in einem Sammelgrab liegt. Sie deutete auf die Menschen vor Kapelle und meinte: „Da muss ein Politiker gestorben sein: so viele Trauergäste.“ Ich fror. Dann lenkte sie mich wunderbar ab und öffnete mir einen Weg in die Zukunft. Wir tauschten – in gebotener Kürze – unsere Lebensgeschichten aus, auch mit Trauer- und Friedhofsgeschichten. Sie deutete zur Seite auf ein Doppelgrab mit ‚Hells-Angels‘ (beide jünger als ich) und berichtete von der Bestattung mit Sondergenehmigung für Motorrad, aber: „Die Weihnachtsdeko müsste nun mal weg.“ (Sie gab den Angels keine Sondergenehmigiung für die Grabpflege.). Später sah ich auf dem Weg zu Henrike Rudolf Virchow (auch einer, der ‚ungezwungen‘ politische Verantwortung übernahm und von Bismarck zum Duell gefordert wurde). Noch später erfuhr ich von Rio Reiser und den Grimmbrüdern in der Nähe. Und schließlich von Alex Kobylinski (Wolfgang-Schnur-Buch) neben Henrike, einem meiner weiteren tragischen Helden. Ich fror.

Ich bestätige, was ich verschiedentlich hörte und las. Henrike konnte sich in andere Künstlerseelen blitzschnell einfühlen und hilfreiche Tipps geben. Das habe ich selbst erlebt und erfahren. Ihre Hauptinspiration für mich: sie hielt unbeirrt an ihrer Sache fest, und zwar über lange Jahre. Das habe ich mir bei ihr für mich abgeguckt. Nebenbei: Mein Kulturprojekt habe ich nun fertiggestellt (nach drei Jahrzehnten). Jetzt bräuchte ich die Fachsimpelei mit ihr (Durchsetzungskraft), um eine messbare Wahrnehmung zu befördern, erwirken (erzwingen?).

Ihre Aufbereitung des Nachwende-Nazisturms in Zwickau diente mir ganz und gar persönlich. Ich war nämlich furchtbar beleidigt, als vieles ab 1990 ganz anders wurde, als ‚theoretisch von mir vorausgesehen‘ (:-). Und da war es gut, dass ‚die nächste Generation‘ (auch Clemens mit seiner Arbeit gehört dazu) mir dabei hilft, hinzugucken und genügend zu verstehen (als Grundlage für adäquate Handlungen).

In Traueranzeigen tauchen immer dieselben Worte auf: „unfassbar“ habe ich nie verstanden. Jetzt verstehe ich. Adieu, Henrike.