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„Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt…“

Es mag komisch klingen, aber mir fällt zum Tod von Henrike der alte Puhdyssong aus dem Film „Die Legende von Paul und Paula“ ein:

„Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt, sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt, sagt die Welt es ist Zeit . . .

Meine Freundin ist schön, als ich aufstand ist sie gegangen,
weckt sie nicht, bis sie sich regt, ich hab‘ mich in ihren Schatten gelegt.

Jegliches hat seine Zeit, Steine sammeln – Steine zerstreun.
Bäume pflanzen – Bäume abhaun, leben und sterben und Streit.“

Dieser Text stammt von Ulrich Plenzdorf, der in seiner Biografie so widersprüchlich war wie das Land in dem er lebte und der uns doch faszinierte. Wir, das sind heute die „Alten“, die damals (1973), als „Paul und Paula“ erschien, gerade mal 17 Jahre alt waren. Wir, das sind auch die Mutti von Henrike, Nele Jacob und ich. An Nele denke ich heute besonders. In der DDR gehörten wir zu den Andersdenkenden, Menschen die nicht alles schluckten, Nächte durchdiskutierten, aktiv waren u.a. in der Studentengemeinde in Berlin. Für Henrike hat es sicher auch eine Rolle gespielt, dass sie in eine Künstlerfamilie hineingeboren wurde. Freiraum, kritisches Denken aber auch Bescheidenheit prägten ihre Kindheit. Diese Haltung zu einer Diktatur, die Transformation nach der Einheit, gepaart mit Talent und Mut haben aus ihr eine einzigartige Künstlerin gemacht. Eine Frau – bekannt und erfolgreich, mitten in einem wundervollen neuen Lebensabschnitt, dazu das großartige Projekt in Venedig. Dann der Krebs….Krebs fragt nicht, er ist einfach da. Vor zehn Jahren hat er mich heimgesucht, seitdem ist er Teil meines Lebens. Ich habe viele Frauen kennengelernt in diesen Jahren, die das gleiche Schicksal teilten und ich habe einige von ihnen sterben sehen. Selten aber waren sie so jung wie Henrike. Das macht mich sehr betroffen und traurig, meine Gedanken gehen jetzt vor allem zu den Hinterbliebenen in Berlin und Zwickau. Sie haben mein vollste Mitgefühl und ich wünsche allen viel Stärke in dieser schweren Zeit.
Dolores Kummer