{"id":2828,"date":"2026-09-12T10:23:31","date_gmt":"2026-09-12T08:23:31","guid":{"rendered":"https:\/\/henrikenaumann.com\/de\/?post_type=condolence&#038;p=2828"},"modified":"2026-09-12T10:23:32","modified_gmt":"2026-09-12T08:23:32","slug":"im-letzten-abendsonnenschein","status":"publish","type":"condolence","link":"https:\/\/henrikenaumann.com\/de\/condolence\/im-letzten-abendsonnenschein\/","title":{"rendered":"Im letzten Abendsonnenschein"},"content":{"rendered":"<p>Eine Schlagzeile schneidet so f\u00fcrchterlich laut in die Morgenstille, und es graut der beginnende Tag.<\/p>\n<p>Liebe Hecke,<\/p>\n<p>    als wir uns im Wendedunst der Zwickauer Baseballschl\u00e4gerjahre kennengelernt haben, gingen wir noch zur Schule. <\/p>\n<p>Zwickau&#8230; <\/p>\n<p>&#8230; der Ort, den du verlassen musstest, um<br \/>\n    zu verstehen, woher du eigentlich<br \/>\n    kamst.<\/p>\n<p>   Du hattest damals so wundervoll wilde Dreadlocks, trugst ein ausgewaschenes &#8218;The Doors&#8216; T-Shirt, ausgetretene Doc-Martens, Schlagcordhosen und manchmal einen leicht entr\u00fcckten Blick im Gesicht &#8211; der durch deine Brille aber klar erschien.<\/p>\n<p>   Ein ruhiger und herzlicher Mensch und in meiner Wahrnehmung besonnener und erwachsener als die meisten Jugendlichen deiner Generation.<br \/>\nZielstrebig in deinem Machen, gefestigt in deiner Pers\u00f6nlichkeit und trotzdem f\u00e4hig, unbek\u00fcmmert im Moment zu leben.<\/p>\n<p>   Du hattest immer ein offenes Ohr f\u00fcr deine Mitmenschen, hast aufmerksam zugeh\u00f6rt, wenn wir miteinander gesprochen haben.<br \/>\nKonntest alberne und ernsthafte Gespr\u00e4che gleichzeitig f\u00fchren &#8211; ganz egal, ob wir an einem regnerischen Sonntag mit dem R\u00fccken am warmen Ofen lehnend die aktuelle &#8218;Glamour&#8216; durchgebl\u00e4ttert oder uns bei Sonnenschein und selbstgemachtem Tiramisu mit unseren Freunden \u00fcber Kommunalpolitik ausgetauscht haben.<\/p>\n<p>Ich sehe&#8230;<\/p>\n<p>&#8230; ein Foto, das seit Jahren am K\u00fchlschrank in unserer K\u00fcche h\u00e4ngt, befestigt mit einem knallgelben Smiley-Magneten. Es zeigt meine &#8218;Hives&#8216; Konzertkarte eingespannt in deine schwarze Erika Schreibmachine<br \/>\n&#8211; Alter Schlachthof Dresden 10.04.2005 &#8211;<br \/>\naufgenommen in deinem damaligen Zimmer, gestrichen mit rot-braun-glitzernder Wandfarbe, die im Sonnenlicht so sch\u00f6n gefunkelt hat.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich&#8230;<\/p>\n<p>&#8230; an deine ausgestreckten Arme<br \/>\n    zur Begr\u00fc\u00dfung, deine warme, herzliche<br \/>\n    Umarmung.<\/p>\n<p> &#8230; an gemeinsames Tanzen<br \/>\n     zu &#8218;Disco Partisani&#8216; auf einer unserer<br \/>\n     &#8218;JFK-Partys&#8216; im Keller, unter buntem<br \/>\n     Discokugellicht.<\/p>\n<p>&#8230; an Technobeats<br \/>\n    im Dachgeschoss eines Abrisshauses &#8211;<br \/>\n    roh und verraucht, kahle W\u00e4nde &#8211;<br \/>\n    strahlend erleuchtet allein durch<br \/>\n    Menschen, Musik, Gespr\u00e4che und den<br \/>\n    Eifer der Jugend.<\/p>\n<p> &#8230; an unseren Mecklenburg-Urlaub<br \/>\n    Anfang der 2000er &#8211; eine Zeit, in der die<br \/>\n    Welt f\u00fcr einen kurzen Moment nicht<br \/>\n    ganz so schnell drehte.<br \/>\n    Als wir vollbepackt im Polo \u00fcber die<br \/>\n    Autobahn 500 km bis ins<br \/>\n    wundersch\u00f6ne Niemandsland fuhren.<br \/>\n    In ein kleines Haus mit Reetdach und<br \/>\n    einer schmalen, krummen Treppe, deren<br \/>\n    Stufen nach all den Jahren von den<br \/>\n    Tritten ihrer Bewohner zwangsl\u00e4ufig<br \/>\n    geformt wurden.<br \/>\n    Lagerfeuer unter Sternenhimmel,<br \/>\n    Wanderungen durch die Natur, Musik<br \/>\n    und Gespr\u00e4che bis tief in die Nacht.<br \/>\n    An unserem Filmabend bist du auf dem<br \/>\n    Sofa eingeschlafen. Zugedeckt und<br \/>\n    friedlich lagst du da, umgeben von<br \/>\n    deinen Freunden. Ein Bild in meinem<br \/>\n    Kopf, das sich heute so schwer<br \/>\n    ertragen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Was bleibt&#8230;<\/p>\n<p>&#8230; Fotos, Musik, bewegte Bilder,<br \/>\n    geschriebene Zeilen von dir auf Papier.<\/p>\n<p>&#8230; das Echo deines Lachens &#8211;<br \/>\n    Erinnerungen<br \/>\n    an eine unbeschwerte Zeit.<\/p>\n<p>&#8230; eine nussbaumfarbene Schrankwand in<br \/>\n    meinem Kopf, gef\u00fcllt mit Erinnerungen<br \/>\n    an dich &#8211; unvergesslich, unersetzlich.<\/p>\n<p>&#8230; deine Kunst, als Mahnmal und Spiegel<br \/>\n    unserer Gesellschaft und den<br \/>\n    dauerhaften Auftrag, uns selbst und die<br \/>\n    Dinge, die uns umgeben, zu<br \/>\n    hinterfragen und kritisch zu betrachten.<\/p>\n<p>Ich finde dich wieder&#8230;<\/p>\n<p>&#8230; in der &#8218;Zu Verschenken Kiste&#8216; auf der<br \/>\n    Stra\u00dfe und auf dem W\u00fchltisch eines<br \/>\n    Flohmarkts.<\/p>\n<p>&#8230; in den Liedern, die uns verbinden.<\/p>\n<p>&#8230; in den Menschen, die dich kennen und<br \/>\n    denen, die dich noch kennen werden.<\/p>\n<p>&#8230; in den Werten, die uns vereinen.<\/p>\n<p>&#8230; in deiner Kunst, in der dein Geist<br \/>\n    verweilt.<\/p>\n<p>&#8230; in der Skurrilit\u00e4t des Alltags.<\/p>\n<p>&#8230; im Gott der kleinen Dinge.<\/p>\n<p>Du bist&#8230;<\/p>\n<p>&#8230; in meinem Bewusstsein, wenn ich an<br \/>\n    dich denke.<\/p>\n<p>&#8230; in meinem Herzen, weil ich dich dort<br \/>\n    sp\u00fcre.<\/p>\n<p>&#8230; ein Teil meiner Seele, f\u00fcr immer<br \/>\n    verbunden durch Freundschaft, Liebe<br \/>\n    und Empathie, auch wenn uns die<br \/>\n    physische Welt momentan trennt.<\/p>\n<p>&#8230; an einem Ort, \u00fcber den sich alle<br \/>\n    Menschen ihre eigenen Gedanken<br \/>\n    machen, den jedoch niemand wirklich<br \/>\n    kennt.<br \/>\n    Vielleicht der Ort, der uns allen<br \/>\n    innewohnt.<br \/>\n    Denn unvergessen leben wir in den<br \/>\n    Erinnerungen von anderen und finden<br \/>\n    darin Unsterblichkeit.<\/p>\n<p>Ich umarme dich fest meine liebe Hecke.<br \/>\nWir sehen uns, dr\u00fcben auf dem H\u00fcgel, im letzten Abendsonnenschein&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Schlagzeile schneidet so f\u00fcrchterlich laut in die Morgenstille, und es graut der beginnende Tag. 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