{"id":160,"date":"2022-02-17T10:08:34","date_gmt":"2022-02-17T09:08:34","guid":{"rendered":"https:\/\/henrikenaumann.com\/?p=160"},"modified":"2022-06-15T15:35:23","modified_gmt":"2022-06-15T13:35:23","slug":"kunst-und-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/henrikenaumann.com\/de\/2022\/kunst-und-krieg\/","title":{"rendered":"Kunst und Krieg"},"content":{"rendered":"\n<p>Die letzten zwei Wochen war ich haupts\u00e4chlich online. Ich hielt den Atem an, w\u00e4hrend ich die Nachrichten \u00fcber den eskalierenden Konflikt zwischen der Ukraine und Russland las. Und ich habe mir in den sozialen Medien die Selfies angesehen, die bei den beiden Ausstellungen gemacht wurden, an denen ich derzeit parallel in Kiew und Moskau teilnehme. Ich sehe meine Arbeit als einen Weg, um Kontexte und Grenzen zu \u00fcberschreiten und an Orten zu kommunizieren, an denen ein Dialog schwierig oder unm\u00f6glich ist. Wenn ich sehe, wie sich junge Menschen in beiden L\u00e4ndern mit den Werken auseinandersetzen, Nachrichten mit mir austauschen und Bilder von Besucher_innen aus dem jeweils anderen Land liken, verstehe ich, warum ich solche Ausstellungen mache \u2013 f\u00fcr das Publikum.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kein einfaches Unterfangen, Menschen an Orten zu erreichen, an denen Isolation, Unterdr\u00fcckung, politische Unruhen und sogar Krieg herrschen. Ich muss deswegen gr\u00fcndlich abw\u00e4gen, ob und welche Kompromisse ich f\u00fcr eine solche Ausstellung bereit bin einzugehen. Aber alle K\u00fcnstler_innen, die jemals an einer internationalen Biennale innerhalb oder au\u00dferhalb der &#8222;westlichen Hemisph\u00e4re&#8220; teilgenommen haben, kennen diese Abw\u00e4gungen, denn alle Ausstellungen sind mehr oder weniger in die Machtstrukturen des globalen Kapitalismus eingebettet. Fragen der Finanzierung, der politischen Instrumentalisierung und der Macht stehen immer im Raum. Wie l\u00e4sst sich eine Ausstellung in L\u00e4ndern realisieren, in denen Menschen unterdr\u00fcckt, eingesperrt oder umgebracht werden? In Zusammenarbeit mit dem Staat? Mit einem Oligarchen? Oder mit einer deutschen Institution, einem &#8218;ausl\u00e4ndischen Agenten&#8216;?<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image wp-image-171 size-full\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"673\" height=\"673\" src=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/a9324955-0da4-74b0-6968-1f259aba9743.jpeg\" alt=\"Ein Spiegel an der Wand der Arbeit &quot;Ostalgie&quot; in Moskau, Russland, darin ist die Hand und das Smartphone einer Besucherin zu sehen\" class=\"wp-image-171\" srcset=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/a9324955-0da4-74b0-6968-1f259aba9743.jpeg 673w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/a9324955-0da4-74b0-6968-1f259aba9743-300x300.jpeg 300w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/a9324955-0da4-74b0-6968-1f259aba9743-150x150.jpeg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 673px) 100vw, 673px\" \/><figcaption>Moscow, Russia 2022<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>In Deutschland findet gerade eine hitzige und wichtige Debatte \u00fcber die selbsternannte &#8222;Kunsthalle Berlin&#8220; statt. In einem offenen Brief geben K\u00fcnstler_innen und Kuratoren_innen einen ausf\u00fchrlichen Einblick in das &#8222;System Smerling&#8220; und seine Verflechtung mit Politik und Wirtschaft: Wem geh\u00f6rt die \u00d6ffentlichkeit? Au\u00dferdem gibt es eine Reihe von gut recherchierten Artikeln zum Thema von Niklas Maak f\u00fcr die FAZ. In der Kritik steht aber nicht nur die sogenannte \u201eKunsthalle\u201c, sondern auch die Wanderausstellung \u201eDiversity United\u201c, an der ich mit meiner Arbeit \u201eOstalgie\u201c beteiligt bin und die zurzeit in Moskau gezeigt wird. Wie viele andere K\u00fcnstler_innen, habe ich meine Arbeit bereits f\u00fcr weitere Stationen aus der Ausstellung zur\u00fcckgezogen, wenn auch bis jetzt nicht \u00f6ffentlich. Aber warum habe ich \u00fcberhaupt an der Ausstellung teilgenommen, obwohl die politischen Implikationen f\u00fcr alle teilnehmenden K\u00fcnstler_innen von Vornherein transparent waren?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antworten auf diese Frage sind so vielf\u00e4ltig wie die K\u00fcnstler_innen, die an der Schau teilnehmen. Eine k\u00f6nnte sein, bei Instagram die Location \u041d\u043e\u0432\u0430\u044f \u0422\u0440\u0435\u0442\u044c\u044f\u043a\u043e\u0432\u043a\u0430 (Neue Tretjakow-Galerie) einzugeben, wo jeden Tag Hunderte von Bildern mit Werken von K\u00fcnstlern wie Wolfgang Tillmans, Gilbert &amp; George, Sanja Ivekovi\u0107 und \u0160ejla Kameri\u0107 geteilt werden. Junge Menschen aus Moskau und ganz Russland posieren vor politischen Werken, die im heutigen Russland \u00e4u\u00dferst selten zu sehen sind. Diese Besucher_innen sind zwischen den 1990er und 2000er Jahren geboren, sie kennen Russland nur unter Putin. Seit dem Ausbruch der Pandemie vor zwei Jahren ist es ihnen nicht mehr erlaubt, nach Westeuropa zu reisen. Die Kurator_innen in Moskau berichten mir, dass es dem jungen Publikum sehr viel bedeutet diese Werke sehen zu k\u00f6nnen, aber auch vielen beteiligten K\u00fcnstler_innen ist diese Ausstellung in Moskau ein wichtiges Anliegen. Einen Weg nach Russland zu finden und dort eine Arbeit zu pr\u00e4sentieren, die sich mit politischen Systemwechseln besch\u00e4ftigt, war das Ziel meiner Teilnahme an \u201eDiversity United\u201c. Dieses Ziel habe ich erreicht und bin daf\u00fcr bewusst einen Kompromiss eingegangen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image wp-image-173 size-large\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"819\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/070be38b-4e49-786d-64c8-a22685210700-819x1024.jpeg\" alt=\"Besucherin posiert auf einem Hocker in der Arbeit &quot;2000&quot; in Kyiv, Ukraine\" class=\"wp-image-173\" srcset=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/070be38b-4e49-786d-64c8-a22685210700-819x1024.jpeg 819w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/070be38b-4e49-786d-64c8-a22685210700-240x300.jpeg 240w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/070be38b-4e49-786d-64c8-a22685210700-768x960.jpeg 768w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/070be38b-4e49-786d-64c8-a22685210700.jpeg 1125w\" sizes=\"auto, (max-width: 819px) 100vw, 819px\" \/><figcaption>Kyiv, Ukraine 2022<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die Tretjakow-Galerie ist ein staatliches Museum. Den Kurator_innen gelingt es, unter schwierigen politischen Bedingungen bedeutende internationale Ausstellungen zu realisieren. Es ist wichtig zu verstehen, dass eine moralisierende Verwendung des Namens Putin im Zusammenhang mit einer Ausstellung in Russland in der Konsequenz bedeuten w\u00fcrde, dass es per se unmoralisch ist, ein Werk in einem Museum in Russland auszustellen. Was bedeutet das f\u00fcr mich als K\u00fcnstlerin? Boykottiere ich das Publikum an Orten der Unterdr\u00fcckung, wo die Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen mein \u201esauberes\u201c moralisches Image als politische K\u00fcnstlerin beflecken w\u00fcrde?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Ausstellung ist insofern etwas Besonderes, als dass viele K\u00fcnstler_innen aus dem ehemaligen \u201eOstblock\u201c mit ihren Werken teilnehmen. Sie leben und arbeiten in L\u00e4ndern wie Russland, der Ukraine, Bosnien und Herzegowina, dem Kosovo, Polen oder Bulgarien. Sie haben nicht nur eine gemeinsame sozialistische Vergangenheit, sondern sind sich auch der politischen Verstrickungen von K\u00fcnstler_innen mit staatlichen Institutionen und politischen Agenden sehr bewusst, vielleicht mehr als solche, die haupts\u00e4chlich in westlichen Institutionen arbeiten.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image wp-image-161 size-large\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"951\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/15793bfc-fac7-5e2d-6697-39cd40ff6dd7-951x1024.jpeg\" alt=\"Besucherin posiert an der Wand der Arbeit &quot;Ostalgie&quot; in Moskau, Russland\" class=\"wp-image-161\" srcset=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/15793bfc-fac7-5e2d-6697-39cd40ff6dd7-951x1024.jpeg 951w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/15793bfc-fac7-5e2d-6697-39cd40ff6dd7-279x300.jpeg 279w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/15793bfc-fac7-5e2d-6697-39cd40ff6dd7-768x827.jpeg 768w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/15793bfc-fac7-5e2d-6697-39cd40ff6dd7.jpeg 1125w\" sizes=\"auto, (max-width: 951px) 100vw, 951px\" \/><figcaption>Moscow, 2022<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Wie das Kunsthallenfiasko und der offene Brief von Hito Steyerl, Clemens von Wedemeyer und J\u00f6rg Heiser sehr sichtbar machen, sind auch diese Institutionen in Macht- und Interessenstrukturen eingebettet. Warum organisieren private Interessengruppen Veranstaltungen in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung und treten damit als demokratisch nicht legitimierte Akteure der ausw\u00e4rtigen Kulturdiplomatie auf? Welche Alternativen k\u00f6nnen geschaffen werden, damit in Zukunft K\u00fcnstler_innen, die sich mit K\u00fcnstler_innen und Publikum in politisch isolierten oder diktatorisch organisierten Staaten austauschen wollen, dies in einem anderen Rahmen tun k\u00f6nnen? Wird das Ausw\u00e4rtige Amt seine Politik \u00e4ndern und ausschlie\u00dflich direkt mit \u00f6ffentlich legitimierten Organisationen wie dem Goethe Institut oder dem ifa (Institut f\u00fcr Auslandsbeziehungen) zusammenarbeiten, welche die n\u00f6tige Expertise f\u00fcr Kunst und Au\u00dfenpolitik mitbringen? Und w\u00fcrde dies alle zuk\u00fcnftigen Fragen beantworten, die sich K\u00fcnstler_innen bei jedem Projekt stellen m\u00fcssen, das sie in Betracht ziehen?<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image wp-image-167 size-large is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"931\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/04ae21c6-e975-ef28-0e78-0d8bdde99a32-931x1024.jpeg\" alt=\"Besucherin in Hijab, Jogginganzug und Sneakern sitzt auf einem Sofa in der Arbeit &quot;2000&quot; in Kyiv, Ukraine\" class=\"wp-image-167\" srcset=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/04ae21c6-e975-ef28-0e78-0d8bdde99a32-931x1024.jpeg 931w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/04ae21c6-e975-ef28-0e78-0d8bdde99a32-273x300.jpeg 273w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/04ae21c6-e975-ef28-0e78-0d8bdde99a32-768x845.jpeg 768w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/04ae21c6-e975-ef28-0e78-0d8bdde99a32.jpeg 1125w\" sizes=\"auto, (max-width: 931px) 100vw, 931px\" \/><figcaption>Kyiv, Ukraine 2022<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Sich als politische K\u00fcnstler_in zu definieren, kann mehrere Dinge gleichzeitig bedeuten. Es kann bedeuten, eine zwielichtige Kunsthalle in der eigenen Stadt zu boykottieren, um f\u00fcr die Rechte der Kunstszene auf bezahlbare Ateliers und Ausstellungsr\u00e4ume zu k\u00e4mpfen. Es kann auch bedeuten, sich f\u00fcr die M\u00f6glichkeit einzusetzen, in diktatorischen Systemen inmitten eines Krieges Ausstellungen zu zeigen. Diese Dinge in einen Gegensatz zueinander zu stellen, bei dem K\u00fcnstler_innen sich entweder f\u00fcr diese oder jene Seite, f\u00fcr uns oder gegen uns entscheiden sollen, verkennt einerseits die Komplexit\u00e4t der Welt, in der wir alle leben und arbeiten. Andererseits k\u00f6nnte die jetzt angestossene Debatte \u2013 jenseits von Vereinfachungen und Polarisierungen \u2013 neue Wege aufzeigen, wie wir als K\u00fcnstler_innen die uns umgebenden Machtstrukturen nicht nur kritsieren, sondern aufbrechen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letzten zwei Wochen war ich haupts\u00e4chlich online. Ich hielt den Atem an, w\u00e4hrend ich die Nachrichten \u00fcber den eskalierenden Konflikt zwischen der Ukraine und Russland las. 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