{"id":71,"date":"2019-12-06T10:11:21","date_gmt":"2019-12-06T09:11:21","guid":{"rendered":"https:\/\/henrikenaumann.com\/?post_type=work&#038;p=71"},"modified":"2024-10-23T15:37:20","modified_gmt":"2024-10-23T13:37:20","slug":"ostalgie","status":"publish","type":"work","link":"https:\/\/henrikenaumann.com\/de\/work\/ostalgie\/","title":{"rendered":"Ostalgie"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">KOW Berlin, 2019<br>Karl-Marx-Monument Chemnitz, 2019<br>Tretyakov Gallery Moskau, 2021<br>Ludwigforum Aachen, 2023<br>Harvard Art Museums, 2024<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/20211121_JZ_exhibition_Diversity_United_53-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-406\" srcset=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/20211121_JZ_exhibition_Diversity_United_53-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/20211121_JZ_exhibition_Diversity_United_53-300x200.jpg 300w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/20211121_JZ_exhibition_Diversity_United_53-768x512.jpg 768w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/20211121_JZ_exhibition_Diversity_United_53-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/20211121_JZ_exhibition_Diversity_United_53-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>F\u00fcr einige politische Probleme, die mit Worten schwer zu fassen sind, kann die Kunst einen konzentrierten Ausdruck finden. So wie derzeit in der Ausstellung <em>Ostalgie<\/em> in der Galerie KOW in Berlin-Mitte, wo die junge, 1984 in Zwickau geborene K\u00fcnstlerin Henrike Naumann eine kleine Retrospektive ihres bisherigen Werks zeigt. Auf drei Stockwerken liefert sie eine \u00e4sthetisch so luzide wie atmosph\u00e4risch dichte Analyse der deutsch-deutschen Malaise. Ihr k\u00fcnstlerisches Medium ist dabei vor allem eines: die Schrankwand. Ein halbes Dutzend dieser Einrichtungsdinge zeigt sie nun in der Galerie KOW, teilweise auch an den mit Teppich bezogenen W\u00e4nden statt auf dem tapezierten Boden, als seien die Verh\u00e4ltnisse im Osten auch physisch gekippt. Es geht Naumann um die Widerspr\u00fcche, die sie in ihrer Jugend in Ostdeutschland erlebte.<\/p>\n<cite>Tobias Timm: Die Ostalgie der Schrankwand, in: Die Zeit 12\/2019<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"767\" src=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/07_Henrike-Naumann_Ostalgie_2019_byLadislav-Zajac-1024x767.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-72\" srcset=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/07_Henrike-Naumann_Ostalgie_2019_byLadislav-Zajac-1024x767.jpg 1024w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/07_Henrike-Naumann_Ostalgie_2019_byLadislav-Zajac-300x225.jpg 300w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/07_Henrike-Naumann_Ostalgie_2019_byLadislav-Zajac-768x575.jpg 768w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/07_Henrike-Naumann_Ostalgie_2019_byLadislav-Zajac-1536x1151.jpg 1536w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/07_Henrike-Naumann_Ostalgie_2019_byLadislav-Zajac-2048x1534.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Henrike Naumanns erste Einzelausstellung bei KOW, mit der sich die Galerie zugleich nach zehn Jahren aus ihren R\u00e4umen in der Brunnenstra\u00dfe 9 verabschiedet, widmet sich den historischen Dimensionen einer besonderen Auspr\u00e4gung von Nostalgie: der Ostalgie. Schon der Ausstellungsraum selbst beinhaltet eine nostalgische Geste: die in der Architektur von Arno Brandlhuber konservierte Baulu\u0308cke, die bei Google Street View noch immer besichtigt werden kann und aus der 2009 die Galerier\u00e4ume von KOW entstanden, verweist auf ein untergegangenes Berlin-Mitte. Das Nebengeb\u00e4ude, das von einen Multimillion\u00e4r anl\u00e4sslich des 20. Jahrestages des Mauerfalls zynisch mit dem Spruch \u201eDieses Haus stand fr\u00fcher in einem anderen Land\u201c beschrieben wurde, markiert eine fast schon feindliche Erinnerungsaneignung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ostalgie l\u00e4sst sich als ein individuelles und kollektives Sehnsuchtsgef\u00fchl betrachten: als positiv empfundene Projektion einer fiktiven DDR-Gesellschaft, die sich aus medialen Diskursen und selektiven Erinnerungsfetzen zusammensetzt. Dieses Gef\u00fchl steht im Widerspruch zur kommunistischen Geschichtsphilosophie des historischen Materialismus. In der Logik des gesetzm\u00e4\u00dfigen Fortschritts der Geschichte konnte die Vergangenheit unm\u00f6glich besser sein als die Zukunft. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus, dem global-autorit\u00e4ren Roll-Back und der Erderw\u00e4rmung hat die Zukunft jedoch als Gesellschaftsentwurf ihre Attraktivit\u00e4t verloren. Auf der anderen Seite ist Ostalgie auch eine Form des Widerstands, eine Gegen-Erinnerung (,Counter Memory&#8216;, Daphne Berdahl), die sich einer hegemoniale Erinnerungs- und Gedenkkultur ebenso entgegenstellt wie einer Kolonialisierung ostdeutscher Lebenswelten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"767\" src=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/exhibitions-ostalgie-kow_berlin-18.1850x0-1-1-1024x767.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-676\" srcset=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/exhibitions-ostalgie-kow_berlin-18.1850x0-1-1-1024x767.jpg 1024w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/exhibitions-ostalgie-kow_berlin-18.1850x0-1-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/exhibitions-ostalgie-kow_berlin-18.1850x0-1-1-768x575.jpg 768w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/exhibitions-ostalgie-kow_berlin-18.1850x0-1-1-1536x1150.jpg 1536w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/exhibitions-ostalgie-kow_berlin-18.1850x0-1-1.jpg 1592w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Das lineare Treppenmodell marxistischer Gesellschaftsentwicklung und das kapitalistische Wachstumsparadigma teilen einen positiven Bezugspunkt: die Urgesellschaft der Sammler und J\u00e4ger als eine Projektion der menschlichen Fundamente des Sozialen. Naumanns Installation <em>Ostalgie<\/em> (Urgesellschaft) nimmt im Erdgeschoss der Galerie die Materialit\u00e4t anthropologischer Narrative und reaktion\u00e4rer Gesellschaftsentw\u00fcrfe in den Blick. DDR-Alltagsobjekte vermischen sich mit cartooneskem Mobiliar zu einer flintstonehaften ,Neosteinzeit&#8216; (Markues). <\/p>\n\n\n\n<p>Naumanns Arbeit fragt nach der Anziehungskraft von Utopien, deren Versprechen darin liegt, die Komplexit\u00e4t der Gegenwart zu reduzieren und eine vermeintlich einfache Vergangenheit zu konstruieren. Eindeutig mit Gewalt und Macht durchgesetzte geschlechtliche, rassische, soziale Ordnungen bilden die gedanklichen Konstanten dieses imaginierten ,Retrotopia&#8216; (Zygmunt Bauman). Wenn der Boden nicht mehr tr\u00e4gt, wird er zur Wand. <\/p>\n\n\n\n<p>Massenarbeitslosigkeit, Entwertung von Lebensleistungen, Flexibilisierung und Aufl\u00f6sung sozialer Bindungen waren die Landmarken eines als Dschungel wahrgenommenen Ostdeutschland, f\u00fcr dessen Kartierung westdeutsche Beamte bis 1995 eine Sonderzahlung erhielten, die sogenannte Buschzulage. Erst in diesem ,Land vor unserer Zeit&#8216; (Littlefoot) etablierten sich die ,Ostdeutschen&#8216; als Selbst- und Fremdzuschreibung. Ostalgische Gef\u00fchle, Produkte und Praktiken sind ideeller und materieller Ausdruck der aktiven Herstellung kultureller Differenz.                                                                     <em>Clemens Villinger<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es ist eine neue Form politischer Kunst, eine, die ihren Ausdruck in den \u00e4sthetischen Unterschieden findet, im H\u00e4sslichen der Vergangenheit. Ohne dabei allerdings die fr\u00fcheren Besitzer der Schrankw\u00e4nde zu denunzieren. Diese Besitzer l\u00e4dt Naumann stets zu ihren Ausstellungen ein, sammelt ihre Geschichten, versucht so f\u00fcr ein m\u00f6glichst breites Publikum und f\u00fcr ein wechselseitiges Verst\u00e4ndnis zu sorgen.<\/p>\n<cite>Tobias Timm: Die Ostalgie der Schrankwand, in: Die Zeit 12\/2019<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_2461-1024x768.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-354\" srcset=\"https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_2461-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_2461-300x225.jpeg 300w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_2461-768x576.jpeg 768w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_2461-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/henrikenaumann.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_2461-2048x1536.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Im aktuell etwas lethargisch wirkenden Kunstbetrieb ist Henrike Naumann offenbar eine der gro\u00dfen Hoffnungen. Museen h\u00e4tten sich zun\u00e4chst gefragt, so erz\u00e4hlt sie, welche die passende Schublade f\u00fcr ihre Kunst sein k\u00f6nnte. Vielleicht braucht ihre Kunst aber auch gar keine Schublade. Vielleicht ist sie ein neuer Schrank.<\/p>\n<cite>Tobias Timm: Die Ostalgie der Schrankwand, in: Die Zeit 12\/2019<\/cite><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DDR-Objekte vermischen sich mit cartooneskem Mobiliar zu einer flintstonehaften \u201eNeosteinzeit\u201c. 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