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Monotonie des Yeah Yeah Yeah

Kunstpreis der Böttcherstraße
Kunsthalle Bremen, 2020
E-Werk Luckenwalde, 2021

Henrike Naumann betreibt Archäologie der jüngsten Vergangenheit. In ihrer Installation Die Monotonie des Yeah, Yeah, Yeah versetzt sie uns, inmitten eines authentischen Schuhladens der 1990er Jahre, in eine überzeichnete Version einer vergangenen Welt. Diese ist gespickt mit Friedrich Engels‘ Vorstellung der Urgesellschaft, sowie jener Vorstellung einer prähistorischen Zeit, die eine Rückwärtsprojektion unserer eigenen darstellt.

Plüsch Dinosaurier, ein West Zigaretten Leuchtreklameschild und rosa High Heels

In ihrer gleichnamigen Videoarbeit verschmelzen Ausschnitte aus DDR-Unterrichtsmitteln mit Videosequenzen der Zeichentrickserie Familie Feuerstein, Szenen aus einer Cartoon-Fassung der Bremer Stadtmusikanten und Segmente aus Milton Friedmans Fernsehserie Free to Choose, welche ebenfalls als Schulmaterial eingesetzt wurde. Auf mehreren Ebenen werden hierbei der Stellenwert (menschlicher) Arbeitskraft, Prozesse der Kommodifizierung, sowie konträre Verständnisse des Eigentums- und Freiheitsbegriffs thematisiert.

Die zu Beginn des Videos propagierte Erschaffung des Menschen durch die Arbeit wird bebildert durch die Versklavung der Dinosaurier als Haushalts- und Industriewerkzeugen bei der Familie Feuerstein. Die Tiere der Bremer Stadtmusikanten, durch ihre Besitzer dem Tode geweiht, finden sich in Clips zur DDR-Geschichte wieder und wenn Fred Feuerstein es sich mit Snacks auf der Couch gemütlich macht, läuft Free to Choose im Westfernsehen. Dort, so bekommen die Bremer Stadtmusikanten zu hören, ist der Mindestlohn schuld an ihrer Arbeitslosigkeit. Mit den Eastie Girls im Hintergrund, setzten die Dinos mit lauten Beats der Schreckensherrschaft ein Ende und bringen die Berliner Mauer zum Fall.

Museum of History and Archeology of the Urals, Yekaterinburg
6th Ural Biennial, 2021

Wie jedes andere Gefühl im Kapitalismus wurde auch die Ostalgie ökonomisiert. Die neue Videoarbeit „Die Monotonie des Yeah Yeah Yeah“ (Walter Ulbricht), eingebettet in das Originalmobiliar eines brandenburgischen Schuhladens der 90er Jahre, widmet sich dem Zusammenhang der Vermarktlichung von Erinnerungen und der Konstruktion einer neuen ostdeutschen Identität. Es geht um die Geburt des Ostdeutschen aus dem Geiste der Ostalgie-Parties. Deren Erfinder, Ralf Heckel, deutet in seiner Selbsterzählung die erste Ostalgie-Party in der Silvesternacht des Jahres 1994 als ekstatisches Vergemeinschaftungsritual, das die „wirkliche Freiheit des Geistes“ der Ostdeutschen ermöglichte. Ostalgie-Produkte sind die Artefakte dieses längst vergangenen Aufbruchs, gleichzeitig sind sie Erinnerungen an einen magischen Moment: „Wir durften nicht nur sagen was wir wollten, wir konnten sogar singen was niemand hören wollte.“ (Ralf Heckel)

Clemens Villinger im Text zur Ausstellung Ostalgie, KOW Berlin 2019

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