Im letzten Abendsonnenschein
12. September 2026 / Franziska Beierlein
Eine Schlagzeile schneidet so fürchterlich laut in die Morgenstille, und es graut der beginnende Tag.
Liebe Hecke,
als wir uns im Wendedunst der Zwickauer Baseballschlägerjahre kennengelernt haben, gingen wir noch zur Schule.
Zwickau…
… der Ort, den du verlassen musstest, um
zu verstehen, woher du eigentlich
kamst.
Du hattest damals so wundervoll wilde Dreadlocks, trugst ein ausgewaschenes ‚The Doors‘ T-Shirt, ausgetretene Doc-Martens, Schlagcordhosen und manchmal einen leicht entrückten Blick im Gesicht – der durch deine Brille aber klar erschien.
Ein ruhiger und herzlicher Mensch und in meiner Wahrnehmung besonnener und erwachsener als die meisten Jugendlichen deiner Generation.
Zielstrebig in deinem Machen, gefestigt in deiner Persönlichkeit und trotzdem fähig, unbekümmert im Moment zu leben.
Du hattest immer ein offenes Ohr für deine Mitmenschen, hast aufmerksam zugehört, wenn wir miteinander gesprochen haben.
Konntest alberne und ernsthafte Gespräche gleichzeitig führen – ganz egal, ob wir an einem regnerischen Sonntag mit dem Rücken am warmen Ofen lehnend die aktuelle ‚Glamour‘ durchgeblättert oder uns bei Sonnenschein und selbstgemachtem Tiramisu mit unseren Freunden über Kommunalpolitik ausgetauscht haben.
Ich sehe…
… ein Foto, das seit Jahren am Kühlschrank in unserer Küche hängt, befestigt mit einem knallgelben Smiley-Magneten. Es zeigt meine ‚Hives‘ Konzertkarte eingespannt in deine schwarze Erika Schreibmachine
– Alter Schlachthof Dresden 10.04.2005 –
aufgenommen in deinem damaligen Zimmer, gestrichen mit rot-braun-glitzernder Wandfarbe, die im Sonnenlicht so schön gefunkelt hat.
Ich erinnere mich…
… an deine ausgestreckten Arme
zur Begrüßung, deine warme, herzliche
Umarmung.
… an gemeinsames Tanzen
zu ‚Disco Partisani‘ auf einer unserer
‚JFK-Partys‘ im Keller, unter buntem
Discokugellicht.
… an Technobeats
im Dachgeschoss eines Abrisshauses –
roh und verraucht, kahle Wände –
strahlend erleuchtet allein durch
Menschen, Musik, Gespräche und den
Eifer der Jugend.
… an unseren Mecklenburg-Urlaub
Anfang der 2000er – eine Zeit, in der die
Welt für einen kurzen Moment nicht
ganz so schnell drehte.
Als wir vollbepackt im Polo über die
Autobahn 500 km bis ins
wunderschöne Niemandsland fuhren.
In ein kleines Haus mit Reetdach und
einer schmalen, krummen Treppe, deren
Stufen nach all den Jahren von den
Tritten ihrer Bewohner zwangsläufig
geformt wurden.
Lagerfeuer unter Sternenhimmel,
Wanderungen durch die Natur, Musik
und Gespräche bis tief in die Nacht.
An unserem Filmabend bist du auf dem
Sofa eingeschlafen. Zugedeckt und
friedlich lagst du da, umgeben von
deinen Freunden. Ein Bild in meinem
Kopf, das sich heute so schwer
ertragen lässt.
Was bleibt…
… Fotos, Musik, bewegte Bilder,
geschriebene Zeilen von dir auf Papier.
… das Echo deines Lachens –
Erinnerungen
an eine unbeschwerte Zeit.
… eine nussbaumfarbene Schrankwand in
meinem Kopf, gefüllt mit Erinnerungen
an dich – unvergesslich, unersetzlich.
… deine Kunst, als Mahnmal und Spiegel
unserer Gesellschaft und den
dauerhaften Auftrag, uns selbst und die
Dinge, die uns umgeben, zu
hinterfragen und kritisch zu betrachten.
Ich finde dich wieder…
… in der ‚Zu Verschenken Kiste‘ auf der
Straße und auf dem Wühltisch eines
Flohmarkts.
… in den Liedern, die uns verbinden.
… in den Menschen, die dich kennen und
denen, die dich noch kennen werden.
… in den Werten, die uns vereinen.
… in deiner Kunst, in der dein Geist
verweilt.
… in der Skurrilität des Alltags.
… im Gott der kleinen Dinge.
Du bist…
… in meinem Bewusstsein, wenn ich an
dich denke.
… in meinem Herzen, weil ich dich dort
spüre.
… ein Teil meiner Seele, für immer
verbunden durch Freundschaft, Liebe
und Empathie, auch wenn uns die
physische Welt momentan trennt.
… an einem Ort, über den sich alle
Menschen ihre eigenen Gedanken
machen, den jedoch niemand wirklich
kennt.
Vielleicht der Ort, der uns allen
innewohnt.
Denn unvergessen leben wir in den
Erinnerungen von anderen und finden
darin Unsterblichkeit.
Ich umarme dich fest meine liebe Hecke.
Wir sehen uns, drüben auf dem Hügel, im letzten Abendsonnenschein…