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Die innere Front

In Henrike Naumanns Arbeit The Home Front – Die Innere Front wird der zentrale Raum im Deutschen Pavillon zum Ort, an dem Naumann sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von gesellschaftlicher Militarisierung auseinandersetzt. 

Sie unterteilt den Raum in die Bereiche Krieg, Nachkrieg, 1990 und Vorkrieg, durch die sich die Betrachtenden in einer Frontalbewegung hindurchbewegen. Ihre vormals dreidimensionalen Rauminstallationen haben sich in Venedig zu Wandreliefs verflacht und zugleich verdichtet. Ehemals dokumentarisch-erzählerische Interieurs haben sich zu abstrakten Zeichensystemen transformiert. Sie verweisen auf die Tradition der Kunst am Bau in der DDR und die Möglichkeiten abstrakter Darstellung innerhalb der strengen Vorgaben des sozialistischen Realismus.

INTERIEUR

„Den Deutschen Pavillon einrichten“, es sich mit Wandfarbe, Gardinen und Möbeln „etwas nett machen“ in der schweren aufgeladenen Geschichte. Nach allen historischen Versuchen der BRD-Künstler, den Deutschen Pavillon zu zerstören, sei es durch Aufschlagen der Bodenplatten oder Versuche, das ganze Ding loszuwerden, scheint die schlimmste Vernichtung die zu sein, es sich gemütlich zu machen. Den ganzen Dreck nicht immer wieder wundernd und kopfschüttelnd auszugraben und erschüttert zu sein, sondern zu sagen: Das ist die Normalität, mit der wir aufgewachsen sind, und die Realität, die dieses Land geprägt hat und weiter prägen wird. Wir machen es uns im Deutschen Pavillon gemütlich, und spüren an allen Ecken und Kanten, dass es gemütlich hier nicht gibt.

FRONT

Der Raum lässt sich lesen wie ein Text, dessen Anfang wir zu kennen meinen und dessen Ende wir uns fürchten zu lesen. Zwischen Anfang und Ende sind wir, die Gegenwart, unsicher, welche Möglichkeiten wir haben, auf den Lauf der Dinge Einfluss zu nehmen. Doch die Front sind wir. So wie wir jederzeit an eine Front geschickt werden können, so ist sie auch abhängig von uns. Wofür wir kämpfen wollen, oder wogegen. Ob wir kämpfen. Oder radikal lieben, loslassen, schutzlos sein. Alles Harte aufgeben. Oder aus Liebe kämpfen, doppelt so hart, hardcore.

DIE INNERE FRONT – THE HOME FRONT

In Henrike Naumanns Arbeit The Home Front – Die Innere Front verschränken sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch die Perspektive des Ostens Deutschlands. Die Nachkriegszeit, der Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat sowie die Baseballschlägerjahre der 1990er bilden die archäologische Vorgeschichte unserer Gegenwart – zu einem Moment der Vorkriegszeit. Den Hauptraum des Deutschen Pavillons hat Naumann mit den Methoden des Interieur-Designs auf ihre eigene Weise zerstört – durch den Versuch, es gemütlich zu machen. Gardinen, Möbel und Einrichtungsobjekte werden in ihrer Bildsprache zu hieroglyphenartigen Zeichen, die entziffert sein wollen. Das Mintgrün der Wände weckt Erinnerungen an die 1990er – bei ostsozialisierten an die Kasernen der Sowjets. 

Ostdeutschland wird als Teil des Ostblocks markiert, und der DDR-Pavillon übernimmt symbolisch den BRD-Pavillon. Naumann verortet sich bewusst in einem alternativen kunsthistorischen Referenzsystem, für das man die Namen Hans Ticha und Gabriele Stötzer gehört haben sollte, und mit Hans Haacke und Joseph Beuys nicht weiterkommt. Ostdeutsche Kunstgeschichte verschmilzt mit westdeutscher Möbelgeschichte. Sozialistischer Realismus kollidiert mit Formalismus und Abstraktion, und lässt ein gigantisches Kunstwerk zurück. Und zwischen zerschossenen Gardinen und verletzten Schrankwänden suchen wir Schutz, doch nur durch die Flucht nach vorn kommen wir weiter, wo uns die Front erwartet.

KASERNEN IN PASTELL

Die Farbe der Wände und Decke des Raums bezieht sich auf den Farbton, mit dem die sowjetischen Kasernen in Ostdeutschland gestrichen wurden. Bis heute findet sie sich nicht nur in den leerstehenden Hallen zwischen Schwerin und Zwickau, sondern auch im gesamten post-sowjetischen Raum, als farbliche Erinnerung an das ehemalige militärische und kulturelle Einflussgebiet. Und während die mintgrüne Farbe bei den einen Assoziationen an 1990er-Interieurs hervorrufen, so mag es für Andere verbunden sein mit einem Aufwachsen im ehemaligen Ostblock. Ein militärisches Grün, das keines ist. Und für die ganz Mutigen, die Farbe der Hoffnung. DDR-Farben, die es nicht mehr gibt. Ein alternatives ästhetisches Referenzsystem.

KRIEG

Kriegerische Hinterlassenschaften des 20. Jahrhunderts sind die Trümmer, in denen wir uns einrichten. Alltagsobjekte werden zu mit Bedeutung aufgeladenen Symbolen, die wir wie eine Hieroglyphenwand versuchen zu entziffern. Die Katastrophe ist immer schon geschehen.

NACHRKIEG I – OSTDEUTSCHE KUNSTGESCHICHTE

DDR-Pavillon, 1958 geteilter Pavillon, alternatives kunsthistorisches Referenzsystem, Hans Ticha, Wolfgang Mattheuer, Uwe Pfeier, Kurt Dornis, Wismut, Bergwerk, Erzgebirge, Bauernstuben, Arbeiter- und Bauernstaat

NACHRKIEG II – WESTDEUTSCHE MÖBELGESCHICHTE

1942 / 1948, Willi Baumeister, Nierentisch, Penck, Handwerk und industrielle Produktion, Neo-Primitivismus, Neues Deutsches Design, Christian Borngräber

FENSTERMODE

Uniformgardinen an der Hieroglyphenwand, durchlöcherte Gardinen, und Gardinen mit Reißverschlussnarben an den Nachkriegswänden, Kettenhemdgardinen an der Front

1990

We are haunted by the 1990s.

Bedeutung des historischen Einschnitts für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

TRÜMMERFRAU

Performance, Chic Charmant und Dauerhaft, Vertical Dance

VORKRIEG

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