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Ostalgie

KOW Berlin, 2019
Tretyakov Gallery Moskau, 2021

Für einige politische Probleme, die mit Worten schwer zu fassen sind, kann die Kunst einen konzentrierten Ausdruck finden. So wie derzeit in der Ausstellung Ostalgie in der Galerie KOW in Berlin-Mitte, wo die junge, 1984 in Zwickau geborene Künstlerin Henrike Naumann eine kleine Retrospektive ihres bisherigen Werks zeigt. Auf drei Stockwerken liefert sie eine ästhetisch so luzide wie atmosphärisch dichte Analyse der deutsch-deutschen Malaise. Ihr künstlerisches Medium ist dabei vor allem eines: die Schrankwand. Ein halbes Dutzend dieser Einrichtungsdinge zeigt sie nun in der Galerie KOW, teilweise auch an den mit Teppich bezogenen Wänden statt auf dem tapezierten Boden, als seien die Verhältnisse im Osten auch physisch gekippt. Es geht Naumann um die Widersprüche, die sie in ihrer Jugend in Ostdeutschland erlebte.

Tobias Timm: Die Ostalgie der Schrankwand, in: Die Zeit 12/2019

Henrike Naumanns erste Einzelausstellung bei KOW, mit der sich die Galerie zugleich nach zehn Jahren aus ihren Räumen in der Brunnenstraße 9 verabschiedet, widmet sich den historischen Dimensionen einer besonderen Ausprägung von Nostalgie: der Ostalgie. Schon der Ausstellungsraum selbst beinhaltet eine nostalgische Geste: die in der Architektur von Arno Brandlhuber konservierte Baulücke, die bei Google Street View noch immer besichtigt werden kann und aus der 2009 die Galerieräume von KOW entstanden, verweist auf ein untergegangenes Berlin-Mitte. Das Nebengebäude, das von einen Multimillionär anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls zynisch mit dem Spruch „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land“ beschrieben wurde, markiert eine fast schon feindliche Erinnerungsaneignung.

Ostalgie lässt sich als ein individuelles und kollektives Sehnsuchtsgefühl betrachten: als positiv empfundene Projektion einer fiktiven DDR-Gesellschaft, die sich aus medialen Diskursen und selektiven Erinnerungsfetzen zusammensetzt. Dieses Gefühl steht im Widerspruch zur kommunistischen Geschichtsphilosophie des historischen Materialismus. In der Logik des gesetzmäßigen Fortschritts der Geschichte konnte die Vergangenheit unmöglich besser sein als die Zukunft. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus, dem global-autoritären Roll-Back und der Erderwärmung hat die Zukunft jedoch als Gesellschaftsentwurf ihre Attraktivität verloren. Auf der anderen Seite ist Ostalgie auch eine Form des Widerstands, eine Gegen-Erinnerung (,Counter Memory‘, Daphne Berdahl), die sich einer hegemoniale Erinnerungs- und Gedenkkultur ebenso entgegenstellt wie einer Kolonialisierung ostdeutscher Lebenswelten.

Das lineare Treppenmodell marxistischer Gesellschaftsentwicklung und das kapitalistische Wachstumsparadigma teilen einen positiven Bezugspunkt: die Urgesellschaft der Sammler und Jäger als eine Projektion der menschlichen Fundamente des Sozialen. Naumanns Installation Ostalgie (Urgesellschaft) nimmt im Erdgeschoss der Galerie die Materialität anthropologischer Narrative und reaktionärer Gesellschaftsentwürfe in den Blick. DDR-Alltagsobjekte vermischen sich mit cartooneskem Mobiliar zu einer flintstonehaften ,Neosteinzeit‘ (Markues).

Naumanns Arbeit fragt nach der Anziehungskraft von Utopien, deren Versprechen darin liegt, die Komplexität der Gegenwart zu reduzieren und eine vermeintlich einfache Vergangenheit zu konstruieren. Eindeutig mit Gewalt und Macht durchgesetzte geschlechtliche, rassische, soziale Ordnungen bilden die gedanklichen Konstanten dieses imaginierten ,Retrotopia‘ (Zygmunt Bauman). Wenn der Boden nicht mehr trägt, wird er zur Wand.

Massenarbeitslosigkeit, Entwertung von Lebensleistungen, Flexibilisierung und Auflösung sozialer Bindungen waren die Landmarken eines als Dschungel wahrgenommenen Ostdeutschland, für dessen Kartierung westdeutsche Beamte bis 1995 eine Sonderzahlung erhielten, die sogenannte Buschzulage. Erst in diesem ,Land vor unserer Zeit‘ (Littlefoot) etablierten sich die ,Ostdeutschen‘ als Selbst- und Fremdzuschreibung. Ostalgische Gefühle, Produkte und Praktiken sind ideeller und materieller Ausdruck der aktiven Herstellung kultureller Differenz. Clemens Villinger

Es ist eine neue Form politischer Kunst, eine, die ihren Ausdruck in den ästhetischen Unterschieden findet, im Hässlichen der Vergangenheit. Ohne dabei allerdings die früheren Besitzer der Schrankwände zu denunzieren. Diese Besitzer lädt Naumann stets zu ihren Ausstellungen ein, sammelt ihre Geschichten, versucht so für ein möglichst breites Publikum und für ein wechselseitiges Verständnis zu sorgen.

Tobias Timm: Die Ostalgie der Schrankwand, in: Die Zeit 12/2019

Im aktuell etwas lethargisch wirkenden Kunstbetrieb ist Henrike Naumann offenbar eine der großen Hoffnungen. Museen hätten sich zunächst gefragt, so erzählt sie, welche die passende Schublade für ihre Kunst sein könnte. Vielleicht braucht ihre Kunst aber auch gar keine Schublade. Vielleicht ist sie ein neuer Schrank.

Tobias Timm: Die Ostalgie der Schrankwand, in: Die Zeit 12/2019

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