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Gegen die Logik des Krieges – Kyiv Biennale 2023

„Breathe the pressure
Come play my game, I’ll test ya
Psychosomatic, addict, insane
Breathe the pressure
Come play my game, I’ll test ya
Psychosomatic, addict, insane
Come play my game
Inhale, inhale, you’re the victim
Come play my game
Exhale, exhale, exhale“
The Prodigy – Breathe, 1995

Am 8. Dezember 1995 spielten The Prodigy zum ersten Mal ihren Song Breathe in der Pionir-Halle in Belgrad, Serbien. Es war die letzte Woche des Bosnienkriegs, und es war eine umstrittene Entscheidung für die britische Band, inmitten internationaler Sanktionen ein Konzert im Land des Aggressors zu spielen. Seit ich das Video von diesem Konzert gesehen habe, hat der Song für mich an Intensität und Gewalt gewonnen. Der Möglichkeitsrahmen einer Band, die die Grenzen von Clubmusik und klanglicher Transgression auslotet.

„When I was younger I thought
That to kill or be killed
Was a thing to be proud of
Victim of change
Prisoner of hope, hanged by the neck
On the end of a rope
I don’t know… I don’t care…“
Bruce Dickinson (Iron Maiden) – Gods of War, 1994

Ein Jahr zuvor, im Dezember 1994, hatte Bruce Dickinson von der Heavy-Metal-Band Iron Maiden mit seiner Band Skunkworks ein Konzert im bosnischen Kulturzentrum in der belagerten Stadt Sarajevo gegeben. Der Fotograf Milomir Kovačević Strašni erinnert sich: „Das Konzert habe ich in einer Art Dunst erlebt. Wahrscheinlich habe ich deshalb so viele Fotos gemacht. Ohne die Energie und den Wahnsinn hätte ich sicher nicht sieben Rollen Film verbraucht. Vielleicht waren es sogar meine letzten sieben Rollen. Die ganze Atmosphäre mit dem Publikum und all dem hat mich in eine andere Zeit zurückversetzt, in ein Leben, das ich früher gelebt habe, und in die Dinge, die ich vor dem Krieg gemacht habe.“ (Quelle: Dokumentarfilm Scream for me Sarajevo, 2016)

„V̶L̶A̶D̶I̶M̶I̶R̶ VOLODYMYR
Er hat nicht gesagt, dass er mit Sicherheit kommen wird.“
Samuel Beckett – Warten auf Godot, 1952

Ein Jahr vor diesem Konzert, im August 1993, hatte Susan Sontag Becketts Warten auf Godot am Jugendtheater von Sarajewo inszeniert. Ihr Biograph Benjamin Moser schreibt: „Diese Aufführung wurde ohne Elektrizität und ohne Kostüme, die diesen Namen verdienen, inszeniert, und das Bühnenbild bestand lediglich aus Plastikplanen, die von den Vereinten Nationen verteilt wurden, um von Heckenschützen zerschossene Fenster abzudecken.“ Während sie versuchte, internationale Aufmerksamkeit auf die Situation der Menschen in Sarajewo zu lenken, stieß ihr Engagement auch auf Kritik. Jean Baudrillard schrieb in seinem Text Kein Mitleid für Sarajevo: „Kürzlich kam Susan Sontag nach Sarajevo, um dort Warten auf Godot zu inszenieren. […] Das Schlimmste ist nicht diese zusätzliche Portion kultureller Seele. Es ist vielmehr die Herablassung und Fehleinschätzung von Stärke und Schwäche. Sie sind es, die stark sind, wir sind es, die schwach sind – und die in ihren Ländern nach dem suchen, was es braucht, um unsere Schwäche und unseren Realitätsverlust zu erneuern.“

„Für Frieden. Gegen Krieg. Wer ist das nicht?
Aber wie kann man diejenigen aufhalten, die auf Völkermord aus sind, ohne Krieg zu führen?“
Susan Sontag, 1999

Der Philosoph Boris Buden zitiert Baudrillards Kritik an Sontag in seinem Essay Field Trip to Reality von 1997. Sein 2009 erschienenes Buch Zone des Übergangs – Vom Ende des Postkommunismus wurde 20 Jahre nach dem Fall der Mauer zu einem unverzichtbaren Werk für Künstler, Kuratoren und linke Intellektuelle im ehemaligen „Ostblock“, auch in der Ukraine. So waren die Ukrainer_innen zutiefst irritiert von seinem Text The West at War, der im April 2022 auf e-flux veröffentlicht wurde – als Reaktion auf die russische Invasion der Ukraine. Da der einzig hoffnungsvolle Teil des Textes, der Schlussteil, in dem Buden in der Revolution innerhalb Russlands seine Vision für das Ende des Ukrainekrieges sieht, von vielen missverstanden wurde, bezog sich Buden in einer Podiumsdiskussion im September 2023 in Berlin auf diesen Textteil und stellte klar, dass er mit der Revolution eine „kommunistische Weltrevolution“ als Lösung der Situation gemeint hatte. Diese Aussage lies das ukrainische Publikum ratlos zurück. Die Missachtung der Lebensumstände der Ukrainer_innen, ihren Bedürfnissen und Forderungen zeigt, wie unverantwortlich es ist, die Schlussfolgerungen aus den Jugoslawienkriegen mit dem Krieg in der Ukraine zu vergleichen. Dieser Logik folgend, sollten all die Forderungen der Ukrainer_innen nach nationaler Souveränität und Respekt für ihre Grenzen zum Schutz ihrer Bürger nicht in Betracht gezogen werden, da sie sich auf nationales Recht berufen. Es ist aber umso wichtiger, auf die aktuellen Stimmen zu hören, die jetzt aus der Kriegsregion kommen.

„Wir müssen den Faschismus verstehen und bekämpfen, nicht weil ihm so viele zum Opfer gefallen sind, nicht weil er dem Siegeszug des Sozialismus im Wege steht, nicht einmal, weil er „wiederkommen“ könnte, sondern vor allem, weil er als eine unter bestimmten Bedingungen ständig präsente und mögliche Form der Wirklichkeitsproduktion zu unserer Produktion werden kann und wird.“
Klaus Theweleit – Männerphantasien, 1987

Klaus Theweleits Buch Männerphantasien aus dem Jahr 1987 kann als eines der Standardwerke zur Vorgeschichte des Nationalsozialismus bezeichnet werden. Im Mittelpunkt des Buches stehen die Phantasien einer Gruppe von Männern, die eine entscheidende Rolle beim Aufstieg des Nationalsozialismus spielten. Seine Perspektive auf die Ideologie, die die Männer prägte, die für die Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs verantwortlich waren, hat mir geholfen, die Wurzeln des Faschismus in Deutschland zu verstehen und auch, wie diese Strukturen bis heute weiterleben. Ich respektiere sein Schreiben und Denken sehr, deshalb war ich schockiert über seine Aussagen zum Krieg Russlands gegen die Ukraine. „Wenn die Leute nach Waffen schreien, höre ich in erster Linie: sie machen innergesellschaftliche Freiheiten bei uns kaputt. Jedenfalls sind sie auf dem Weg.“ (Klaus Theweleit im Gespräch mit Jakob Augstein, 2023). Wo er sich weigert, die Situation der Ukrainer zu sehen und zu verstehen, die in Frieden, frei und selbstbestimmt leben wollen. Dass die pazifistische Forderung nach einer Kapitulation der Ukraine vor dem Aggressor in einem völkermörderischen Krieg die Machtdynamiken verstärkt, die er in Männerphantasien so treffend beschrieben hat. Ich habe mir die Freiheit genommen, Theweleit selbst zu zitieren, und zwar aus seinem Buch über den Kolonialismus, das uns, wenn wir es in den Kontext des imperialen Krieges Russlands stellen, die Augen öffnen kann für die Schwierigkeit, von den Opfern eines Krieges Pazifismus zu verlangen:

„Welche Chance habe ich, ein Pazifist zu sein, wenn alle Kulturtechniken, durch die ich atme, wahrnehme, denke, produziere, durch die ich liebe und lebe, selbst Gewalt sind, wenn meine Friedfertigkeit selbst Gewalt einschließt?“
Klaus Theweleit – HON, 2020

Als ich die Einladung zur Teilnahme an der diesjährigen Kyiv Biennale erhielt, dachte ich an The Prodigy, Susan Sontag und Iron Maiden und ihre Gründe, Kunst im Kontext eines Krieges zu machen. Was ist mein Grund, in die Ukraine zu reisen? Kann eine Biennale dazu beitragen, dass die Menschen in einem Kriegsgebiet in einem neuen Zustand der Normalität überleben? Und wird es außerhalb der Ukraine Empathie hervorrufen, wenn man nicht jeden Tag die gleiche Zerstörung sieht, sondern Menschen, die sich nach einem Leben in Frieden sehnen? Möchte ich meinen Sinn für die Realität wiedererlangen? Oder ist es so, dass ich die Bedeutung der Begriffe „Ost“ und „West“, nicht mehr aus der Perspektive Deutschlands bearbeiten kann, sondern es am aktuellen Kristallisationspunkt dieser Frage diskutieren muss, in der Ukraine?Ich nehme dies als Ausgangspunkt für das Projekt OSTBLOCK, das seit 2021 in Zusammenarbeit mit dem ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) in Entwicklung ist. Über mehrere Jahre hinweg werde ich in die Länder reisen, die diplomatische Beziehungen zur ehemaligen DDR hatten, und mit denen ein Künstleraustausch stattfand. Ich sehe meine Praxis in der Tradition dieser künstlerischen Beziehungen, die die ehemals sozialistische Welt umspannen. Heute, in einer Situation, die nicht mehr als „postsozialistisch“ bezeichnet werden kann und in der uns die kalten und heißen Kriege zwingen, die globale Ordnung neu zu überdenken, möchte ich die Rolle untersuchen, die Geschichte, Kunstgeschichte und Künstlerinnen bei der Gestaltung verschiedener Zukunftsvorstellungen spielen. Und das komplexe Erbe des ehemaligen „Ostblock“ in eine Zukunftsmaschine verwandeln.

Henrike Naumann, Iwano-Frankiwsk, Ukraine, 3. Oktober 2023

Breathe – a performance

Drum machine man – SI_Process
Volodymyr – Viktor Abramiyk
Estragon – Oleg Panas
Special objects – Counterfuture
Special thanks – Olga Diatel, Illia Ruzumeiko, Andrii Sokolov and the whole team of Ivano-Frankivsk Drama Theater

7. Oktober 2023, 15.00
Drama Theater
Ivano–Frankivsk, Ukraine

INFOS
Kyiv Bienniale 2023
On the Periphery of War – Ivano-Frankivsk
Kuratiert von Alona Karavai, Roman Khimei, Yarema Malashchuk, Anton Usanov

Photos
Prodigy 1995 – Youtube .com, theprodigyontour .com
Iron Maiden 1994 – Alex Elena, Milomir Kovačević Strašni
Waiting for Godot Sarajevo 1993 – Ahmed Imamovic / Milenko Uherka, Paul Lowe
Theweleit Schreibtisch 1987 – Klaus Theweleit
Ivano-Frankivsk Drama Theater – Olesia Saienko
Objects Kyiv Biennial – Henrike Naumann

Illiberal Lives – Ludwig Forum Aachen

22.04 – 27.08.2023

Mit Pauline Curnier Jardin, Johanna Hedva, Ho Rui An, Blaise Kirschner, Jota Mombaça, Henrike Naumann, Melika Ngombe Kolongo, Bassem Saad, Mikołaj Sobczak und Jordan Strafer und einer Neuhängung von Arbeiten der Sammlungen im Ludwig Forum Aachen ausgewählt durch die Künstler*innen von Vincent Desiderio, Jann Haworth, Domenico Gnoli, Renato Guttuso, Jörg Immendorff, Magdalena Jetelová, Lew Kerbel, Konrad Klapheck, Jeff Koons, Thomas Lanigan-Schmidt, Wolfgang Mattheuer, Klaus Paier, Tõnis Vint und Andy Warhol.

Kuratiert von Eva Birkenstock, Anselm Franke, Holger Otten und Kerstin Stakemeier

Illiberal Lives

Der Zerfall der liberal-kapitalistischen Nachkriegsordnung, die nach 1989 durchgesetzt schien, lässt auch die Kunst dieser Gesellschaft nicht unberührt. Illiberal Lives, die aktuelle Ausstellung im Ludwig Forum Aachen setzt genau hier an. Sie fragt, wie mit dem Aufbrechen des liberalen Fortschrittsversprechens unweigerlich der unfreie, illiberale Kern moderner Freiheiten zu Tage tritt, und auch die liberale Fiktion von der Kunst als Ausdrucksraum bürgerlicher Freiheit immer mehr unter Druck gerät. Dort, wo die Kunst nicht nur Besitzstände verteidigt, oder sich der Beschwörung nationaler Gemeinschaften dienstbar macht, zeigt sie sich heute zunehmend als praktischer Austragungsort sozialer Widersprüche und Ausschlüsse. Die eingeladenen KünstlerInnen brechen mit den Beschränkungen und Gewalten der liberalen Freiheiten und lassen stattdessen künstlerische Formen eines illiberalen Lebens an ihre Stelle treten.

Die Neuhängungen von durch die Künstler*innen ausgewählten Arbeiten der Sammlungen im Ludwig Forum Aachen, die Teil von Illiberal Lives sind, fügen der Ausstellung wesentliche Zuspitzungen von Vergangenheiten und Gegenwarten hinzu. Die eingeladenen Künstler*innen reperspektivieren hierbei immer auch die postfaschistische Geschichte einer Institution, deren Sammlungen unlösbar verbunden sind mit der Rhetorik der Blockkonfrontation zwischen Ost und West in der Nachkriegszeit und dem liberalen Narrativ von „freier“ und „unfreier“ Kunst. Die Präsentation von fünf Installationen von Henrike Naumann in der weitläufigen Halle des Museums, in die Werke wie Magdalena Jetelovás Skulptur Der Setzung andere Seite oder eine Büste Peter Ludwigs von Lew Kerbel eingebunden sind, bildet das Zentrum der Ausstellung: Naumanns Installationen, in denen Möbelensembles, Accessoires und Designgegenstände skulptural werden, machen mit ihren hierin laufenden Video- und Soundarbeiten die Verortung von Illiberal Lives im postfaschistischen Deutschland unentrinnbar. 

CAPITOL JANUARY 6 – REICHSBÜRGER TAG X

Heute vor zwei Jahren vibrierte mein Telefon mit Nachrichten und Fotos vom Capitol Hill in Washington, D.C.: „Hast du das kommen sehen?“ Ich war verblüfft, denn ich hatte die Ästhetik der Capitol-Angreifer_innen bereits 2017 in meiner Installation Das Reich über die deutsche „Reichsbürger-Bewegung“ eingefangen. Bis letztes Jahr war ich noch nie in den USA gewesen.

In meiner Installation, die aus Möbeln, Objekten und Video besteht, habe ich eine visuelle Sprache entwickelt, um über die selbsternannten „Reichsbürger“ zu sprechen, die die Legitimität der Bundesrepublik Deutschland bestreiten. Sie behaupten, dass das Deutsche Reich weiterhin an der Macht ist. Das Reich erzeugte eine dystopische Vision, in der die „Reichsbürger“ das Kronprinzenpalais Unter den Linden in Berlin übernommen und eine Reichsnotstandsregierung mit Möbeln installiert hatten. Die Möbel ordnete ich in einer kultischen Formation ähnlich wie Stonehenge an.

Während des Sturms auf das Capitol am 6. Januar 2021 habe ich viel über dieses Werk nachgedacht. Nicht nur, weil die Ästhetik der Angreifer_innen in Washington im Detail meiner Installation entsprach, sondern auch wegen der Frage, wie man mit einer politischen Bewegung umgeht, deren Ästhetik als „merkwürdig“ bezeichnet werden könnte. Mir ist klar geworden, dass es eine Herausforderung ist, andere von der Gefährlichkeit von Menschen und Bewegungen zu überzeugen, wenn deren Selbstinszenierung komisch, lustig und lächerlich erscheint. Im Fall der „Reichsbürger“ handelt es sich um eine rassistische und gewalttätige Hassbewegung von Verschwörungsgläubigen, die während der Pandemie in ganz Deutschland immer mehr Anhänger_innen fand. Die Ästhetik ist trügerisch.

Im September 2022 eröffnete ich meine Ausstellung Re-Education im SculptureCenter in New York. Ich habe meine künstlerische Praxis aus dem deutschen in den amerikanischen Kontext übertragen. Erstens, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Arbeit, die sich mit der „Reichsbürger“-Bewegung in Deutschland befasst, einen neuen Weg ebnen könnte, um in einer künstlerischen Sprache über das zu sprechen, was am 6. Januar in Washington geschah. Zweitens habe ich mich gefragt, wie eine kritische künstlerische Praxis mit der Trump-Präsidentschaft und ihren Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft umgehen kann.

Ein zentrales Werk der Ausstellung, Rustic Traditions, befasst sich mit der Rolle, die Möbel während dem Sturm aufs Capitol spielten. Möbel wurden als Waffen und zur Erstürmung benutzt, während Kongressabgeordnete sich damit in ihren Büros verbarrikadierten oder sich unter ihren Schreibtischen versteckten, um sie als Schutzräume zu nutzen. Ein Angreifer legte seine Füße auf einen Schreibtisch im Büro von Nancy Pelosi und beanspruchte so symbolisch die Macht. Die Dringlichkeit der Ausstellung – die Verbindung der extrem rechten Verschwörungsszenen in Deutschland mit denen in den USA – trat erneut in den Vordergrund, als im Dezember 2022 ein Komplott zum Sturz der deutschen Regierung und zur Errichtung eines neuen „Reichs“ aufgedeckt wurde.

Nach 10 Jahren Forschung über die „Reichsbürger“-Bewegung und nach genauer Betrachtung der Ereignisse vom 6. Januar in Washington, was ist mein Vorsatz für das neue Jahr 2023? Wir müssen Menschen, die Wikingerhörner tragen und rustikale Waffen mit sich führen, ernst nehmen. Wenn wir weiter darüber diskutieren, ob sie eine Bedrohung darstellen oder nicht, werden sie die Regierungsgebäude und Institutionen übernehmen. Und dann wird es zu spät sein.

Photo Das Reich: Ladislav Zajac
Photos Re-Education: Charles Benton